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armutszeugnis

03. November 2014 - 22:27

ich weiß nicht, ob ich heute vormittag noch vor dem ersten kaffee mit dem kopf durch die wand wollte. es ging ja auch mehr gegen die wand, mit dem gesicht gegen eine wand. dem gesicht war das ziemlich egal, aber der brille hat der überraschende vorgang einen bügel gekostet. den linken bügel, zusammen mit einem kleinen stück der fassung. abgebrochen.

nun habe ich mehr als eine brille, ersatz ist also vorhanden. es handelt sich aber um die aktuellste und um die einzige mit einem kleinen leseanteil in der unteren hälfte. was die sache besonders schwer macht, denn gleitsichtbrillen sind teuer, unerschwinglich im grunde. bei einer sehstarke, bzw. natürlich -schwäche, von um die -10.

hilft also nix, muß ich erstmal selber machen. mit taschenmesser, superkleber und sandpapier, dazu ein blutiger daumen. mit dem taschenmesserminischrauber abgerutscht und frontal satt ins fleisch gerutscht, beim wiederanbringen des bügels. egal. derzeit sieht es so aus, als könnte es halten, heute abend hab ich das ding wieder auf der nase. richtig schön sieht die stelle nicht aus, besonders der kleber hat spuren hinterlassen. matt und zerkratzt ist diese ecke, aber glatt immerhin. den  klebewulst innen hab ich gelassen, besser ist besser. hier und da hat wohl auch das glas ein wenig gelitten. ich schaue da lieber nicht so genau hin. wenn ich noch durchschauen kann, gleich, ist alles in ordnung. und immerhin ist es ding jetzt nicht mit pflaster geklebt, wie damals. ach egal, auch das. verpflastert ist nur der daumen.

fazit: wer wenig geld hat, tut wohl daran, ein wenig handwerkliches geschick wie natürlich auch glück sein eigen zu nennen. das spart. auch wenn man natürlich immer gefahr läuft, als armselig entlarvt zu werden. mit dem ganzen selbstflickten zeug am leib.


03. November 2014 - 10:53

brille kaputt. ich hab ja auch sonst nix zu tun, zu regeln, zu stemmen. guten morgen dann mal, habe fertig.


02. November 2014 - 19:32

es ist ganz einfach. ich muß einen weg finden, das ende mai angefangene buch zu ende zu schreiben. es wird ein gutes buch. es wird von familie handeln, vom scheitern darin und vom leben. vom lieben auch, von begegnung. ich muß einfach. dann wird es besser, ganz sicher.

so denke ich zumindest.


02. November 2014 - 18:57

beim digitalisieren der alten kassetten in berlin 2014 riecht es in mir auf einmal wie in diesem haus in england in den 90ern. auf dem flüchtige irgendwo ausgerissenen zettel, der zwischen plastikhülle und karton gesteckt ist, steht:

Hope the tape is o.k.
No time to check it.
If not – sorry!

so geht sie, auch, die sprichwörtliche englische höflichkeit.


essenzen

01. November 2014 - 21:05

all die dummen kleinen fehler, die ich tagtäglich mache. mein fehler auch, vielleicht, daß ich nichts davon vergessen kann, einfach so. oder aber ein segen. alles kommt wieder, kommt zu mir zurück. manchmal, meistens ist es zu spät, etwas zu ändern. so lebt sich mein leben derzeit.

später dann stehe ich mit einem einkaufszettel in der hand und ein paar frischen scheinen in der tasche im supermarkt und weiß einfach nicht, was ich haben will, das über die liste mit den vier punkten hinausgeht. obwohl ich es könnte, jetzt wieder. so schnell geht die entwöhnung, schwindet lust und freude an den dingen. auch das hat eine unbestimmte qualität, es ist ebenso gut, wie es andererseits übel daherkommt.

ich lebe von den resten, so oder so. ich bin das, was von mir übrigbleibt. oder so ähnlich.


wortzen

31. Oktober 2014 - 23:00

lyrik -> # herbststerben

prosa -> zurückfinden. nichts verloren geben. gehen


beschenkt, erfreut, erleichtert

30. Oktober 2014 - 23:25

ich muß es kurz machen. ich weiß nicht, wie ich sagen soll. seit gestern abend, spätestens, bin ich überwältigt.

mehr noch, als ich manchmal gerne über armut schreibe, muß ich natürlich darüber reden, in meinem direkten umfeld wie auch den privateren bereichen des netzes. wenn ich also kein geld habe, mit anderen auszugehen, versuche ich zumindest, das auch zu sagen. in ungefähr der hälfte der fälle gelingt mir das, der rest ist – leider – mehr oder weniger gelogen. immer geht es eben nicht. über die misere der letzten zwei wochen habe ich viel geredet und geschrieben, vor allem auch in maßloser wut über den menschen, der mir durch die ebenso wortlose wie wiederholte einstellung der vereinbarten ratenzahlung diese missliche lage großzügig hineingeholfen hat. (womöglich auch leichtfertig oder nachlässig. oder aber rücksichtslos. ich weiß es nicht.)

seitdem haben andere menschen geld überwiesen, mit schweizer grüßen oder besten wünschen für essen, tanz und freude, es wurde gepaypalt und gutscheine steckten unvermittelt in meinem briefkasten. das hat mir die nächste miete gerettet und das gemüt. das hat mich überrascht. wie ich gestern erfahren habe wurde in der zeit auch gesammelt, um mir persönlich einen briefumschlag auszuhändigen. kohle für den winter. (arm sein im winter ist tatsächlich ganz besonders blöd.) all die menschen kennen mich von hier, manche mehr, andere weniger, schreiber und blogger. das eine oder andere mal habe ich zugesehen oder mitgeholfen, wenn so etwas im netz geschah. schnelle hilfe in der not. ich fand das immer beeindruckend. doch nie wäre ich auf die idee gekommen, daß es auch für mich veranstaltet werden könnte.

ich bin beschenkt.

euch allen sei gesagt: ich bin überwältigt, ich bin irritiert. vor allem aber bin ich erfreut und sehr erleichtert. (was bislang kaum einen hauch von scham zuläßt. ich hoffe, das bleibt so. für alle beteiligten.)


schuld und freude

29. Oktober 2014 - 15:47

manchmal würde ich gerne mehr über armut schreiben, hin und wieder tue ich das sogar. aber leicht ist anders und zwar nicht, weil ich durchweg beschämt bin. das kommt auch vor, phasenweise sozusagen, aber meistens ist mir der eigenartige reichtum meines armseligen lebens durchaus bewußt. schwer ist es, weil darauf einerseits so viele freundliche und hilfreiche angebote auf mich einprasseln. menschen, die mir geld leihen wollen oder sogar geld schenken. menschen, die gutscheine schicken oder mir essen und getränke ausgeben. es ist interessant, daß das passiert, auch jetzt gerade. und wie es passiert, aktuell betrachtet, denn selbst geschenke scheinen mich nicht aus der schuld zu befreien, die ich in solchen zeiten empfinde. oder von der last, die ich ebenso trage, wie ich sie zu sein glaube.

andererseits gibt es im zusammenhang mit öffentlich diskutierter armut immer wieder auch gut plazierte ratschläge, die selten gut gemeint sind. eine reine kosten-nutzen-analyse meiner wertigkeit im leben ergibt ganz eindeutig, daß ich als unwert zu betrachten bin. persönlich betrachtet sogar als verschwendung, denn ich könnte ja, wenn ich nur wollte. das wurde mir bereits in der schule attestiert, und obwohl ich schon damals genau wußte, warum das nicht zutrifft, trifft es mich mitunter bis heute. ich bin das, was »minderleister« genannt wird, völlig egal, was ich tatsächlich tagtäglich leiste. für das meiste davon gibt es eben einfach nur kein geld.

ja, jeder muß sehen, wo er bleibt, auch das wird mir des öfteren vermittelt. jeder ist verantwortlich für sich selbst. ich bezweifle meine zuständigkeit diesbezüglich nicht. ich bin durchaus verantwortlich für den menschlich einigermaßen tauglichen zustand, in dem ich mich befinde. ich bin verantwortlich für den erhalt meiner empfindsamkeit und meines humors. ich bin verantwortlich für den unerträglichen quatsch, den ich mitunter rede, ebenso wie für die worte, die ich schreibe. und noch zu schreiben gedenke. ich bin verantwortlich für alle meiner zustimmungen wie auch für jede einzelne meiner verweigerungen. ich bin verantwortlich für die richtung meines blickes. geld stand dabei noch niemals im mittelpunkt, auch das ist natürlich allein meine schuld.

geld ist eine macht. eine seltsame macht. es maßt sich an, menschen wert oder unwert zu machen. und ich bin nicht frei davon.

auf staatliche unterstützung kann ich übrigens nicht bauen, auch das wird mir gelegentlich ratgeschlagen. dafür verdiene wiederum ich eindeutig zu viel. es gibt also keine ermäßigungen im öffentlichen nahverkehr, keine günstigen kino- oder theatertickets, keine erstattung von rezeptgebühren oder zahnbehandlungen, auch keine lebensmitteltüten von diesen unsäglichen menschenfutterverteilstellen, die es inzwischen überall gibt. ich weiß, wo sie sind, auch hier bei mir um die ecke. zu all dem habe ich keinen zugang, und ich weiß auch nicht, ob ich das wollen würde, selbst wenn es in den sich immer wieder einfindenden komplett bargeldlosen zeiten eventuell sporadisch hilfreich sein könnte.

dennoch: überraschenderweise ist mir meine existenz seit geraumer zeit bereits vor allem anderen eine freude. die zeit genießen, meine zeit, die meine einzige zeit ist. mit mir allein sein zu dürfen, mich selbst wahrzunehmen, zu erkennen womöglich. feststellen auch, daß die welt größtenteils doch ganz anders ist, als sie sich mir als kind präsentiert hat. ebenso wie die menschen.

das ist es wert. das ist ein wert. unbezahlbar.


29. Oktober 2014 - 00:13

stürze und abstürze bei der digitalisierung der alten kassetten. gerade sind es die uralten, die nur noch lallen und leiern im grunde. über 30 jahre zum teil, von schallplatten aufgenommen. es knackt und knistert, die ganze zeit. ich höre sie nicht durch, ich höre nur hinein. peinlich ist es trotzdem, mitunter. oder rührend. wieder zu wissen, auf einmal, was ich dachte, damals, über mich und die welt.

ja. das ist vorbei.


neo tango

28. Oktober 2014 - 23:44

gestern meinen beinah heimlichen, sehr stillen abschied vom tango genommen. nach streng neoliberalen finanzmaßstäben mußte einfach mal eingesehen sein, daß tango sich für mich nicht rechnet. das hat er noch nie, aber jetzt ist es eben soweit. also die letzte stunde gezahlt und gegangen. nicht gewunken, nicht zurückgeschaut. auch nicht geweint. mich nur gewundert, wie das ist.

gehen. (das ist tango, übrigens. mein tango.)

kurz davor hatte ich mich noch mit einer der neuen kolleginnen locker über die berliner milonga-locations ausgetauscht, als wäre nichts. auch über das tangofestival in der komischhen oper im kommenden märz. vielleicht ist es ja gar kein abschied, denke ich. vielleicht hoffe ich auch, doch ich traue dem nicht. es fühlt sich anders. es wird unerreichbar, alles, immer mehr. und emotional betrachtet werde ich offensichtlich nach und nach zu einem mechanischen wunder.

ich gehe. weiter.


27. Oktober 2014 - 13:29

schön, wenn sich wenigstens die motorradbatterie ohne große umstände wieder aufladen läßt. im gegensatz zu mir. das hat auch einen wert.


26. Oktober 2014 - 15:01

was für eine dramatik, welch eigenartige angst. ich schaue filme über schweden auf einsplus, einen nach dem anderen. alles weit und klar, ich finde dennoch keine ruhe. kein schweden in mir.


26. Oktober 2014 - 00:01

was für ein tag, was für eine nacht. alles geht daneben, geht kaputt. oder zu ende.