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memory

24. Juli 2010 - 17:48

das alte spiel, eine karte auf die andere. erinnerungspaare finden oder erfinden. das gedächtnis scheint beständig damit beschäftigt. so entsteht ordnung im hirngestrüpp. so entstehen geschichten, so entsteht auch geschichte. oder aber beides.

eine ard-dokumentation zum thema integration in deutschen schulen erinnert mich an karnap, den nördlichsten zipfel essens. eigentlich heißt der ort natürlich „kannapp“, ich weiß das, denn als kind war ich dort regelmäßig bei meinen großeltern zu besuch. als alte-leute-gegend habe ich den bezirk in erinnerung, als invalidensiedlung voller „reicher“ bergmannswitwen. es gab aber auch viele polnische namen.

als die ersten türken in die straße zogen war meine oma entsetzt. die frau trug hosen und röcke darüber, dazu ein kopftuch, das dem meiner oma allerdings nicht unähnlich war. der rest war klischee. der mann ging immer drei schritte vor der frau die straße entlang, niemals trug er ihr die einkäufe. der sohn drehte einsam seine runden, niemand sprach mit ihm, obwohl er es versuchte. viele kinder gab es in der straße nicht. eschek, schrien die wenigen ihm hinterher. weil sie gehört hatten, daß das esel heißt, auf türkisch. keine ahnung, ob das stimmt. ich habe es nie wieder gehört, aber es scheint sich eingebürgert zu haben.

heute ist karnap also voller türken, so sehe ich es im tv. vor zirka zwei jahren war ich mal kurz in der altbekannten straße und habe sie kaum wiedererkannt. auch die häuser nicht, die damals schmutzig grau waren, kohlegeheizt und verrußt. jetzt sehen sie aus wie schicke, kleine eigenheime mit garten.

ich google ich ein bißchen, wie das heute so geht aus der ferne. es gibt eine schicke karnaper infoseite und einen super super8-film (youtube, 3 min.) aus den 70ern. meine zeit! außerdem finde ich einen zeitungsartikel über den emscherbruch im winter 1946, bei dem karnap, der am tiefsten liegender teil essens, unter meeresspiegel, schlichtweg geflutet wurde. und genau darüber hatte ich zuletzt in den bones geschrieben.

eine karte auf die andere, der memoryeffekt. geschichten und geschichte.


  1. Abdu:

    Es stimmt: Eschek (richtig ausgeschrieben: “Eşek”) ist das türkische Wort für Esel. Ich weiß nicht, ob nur ich so empfinde, dass Eşek ein sehr geächtetes Schimpfwort ist. Ich habe mich immer schlecht gefühlt, wenn man es mir an den Kopf warf. Es traf nicht den Schädel, sondern das Herz.

  2. engl:

    das kann ich nachvollziehen, meine mutter hat immer „ziege“ zu mir gesagt. wohl deshalb habe ich mich auch nie daran beteiligt, aber ich war ja auch immer nur zu besuch. keine ahnung, was gewesen wäre, hätte ich dort gelebt. von wegen gruppendruck und so. kinder begehen ja oft ahnungslos die gröbsten scheußlichkeiten.

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