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eisbergsurfen

12. Februar 2013 - 22:59

als 1980 die „elterliche gewalt“ notdürftig in eine „elterliche sorge“ umgewidmet wurde, war ich schon siebzehn. das bedeutet, daß es für mich zu spät war. oder anders gesagt: ich selbst hatte es damals ohnehin schon (fast) hinter mir. so dachte ich zumindest, soweit ich mich erinnere. heute bedeutet diese tatsache etwas anderes. es bedeutet, daß nichts, was mir damals geschehen ist, rechtlich gesehen relevant ist, im grunde auch jetzt nicht. es war richtig, recht und gerecht.

berichte zum thema, wie etwa der bei StelgitzMind vor ein paar tagen, überraschen mich mitunter. nicht, weil mir nicht bekannt ist, daß es wirklich viele menschen gibt, die sich deutlich gegen gewalt wenden und insbesondere für gewaltfreie erziehung eintreten. leider vermengt sich, meiner erfahrung nach, mit diesem durchaus ehrenhaften engagement allzu häufig ein enorme unkenntnis gegenüber der materie, eine ablehnung, die mitunter an verleugnung grenzt. und damit kann ich bis heute nur denkbar schlecht umgehen. es ist, als würden meine erfahrungen und damit beinah auch ich mit verleugnet.

ein beispiel? einer der letzten sätze in besagtem artikel lautet: Zu harten Körperstrafen wie “Hinternversohlen” greifen vier Prozent. dieser bezieht sich auf heute, auf eine forsa-umfrage für die zeitschrift „eltern“ aus dem jahr 2012. und er bewirkt spontan zweierlei in mir:

  1. es berührt mich, weil mir bislang noch nie jemand gesagt hat, daß das, was mir über jahre regelmäßig geschehen ist – in die zange genommen werden, hose runter und arsch voll – tatsächlich eine „harte Körperstrafe“ war. wenn ich es für einen augenblick persönlich nehme, dann ist es fast eine art von anerkennung. und beruhigung.
  2. im nächsten moment möchte ich dann sagen: so schlimm war das aber nicht. und zwar nicht, weil es ich es zu relativieren oder gar zu rechtfertigen versuche. (vor der kollegin, die zugab, ihr kind auf die windeln zu klappsen, anders ginge es ja nicht und es täte ja auch nicht weh, stand ich innerlich zitternd vor fassungslosigkeit und wut.) auch möchte ich nicht behaupten, daß es mir nicht geschadet hätte. obwohl ich andererseits niemals sagen würde, ich sei beschädigt. das bin ich nicht, ich bin geprägt, wie alle anderen menschen auch. gewalt aber kennt andere formen, jenseits der körperlichkeit, die weitaus schrecklicher sind. (die schläge habe ich nach ein paar jahren mit ein paar worten, einem einzigen satz ein- für allemal beendet.) seelenmacht dagegen, verachtungsgewalt wird allzuleicht relativiert. das scheint niemand wahrhaben und wissen zu wollen.

was in dem oben genannten wie in anderen artikeln und beiträgen zum thema steht, ist schön und gut, ganz ehrlich. ich weiß das zu schätzen. aber es ist die spitze des eisbergs, wenn überhaupt. gewalt wurzelt tief und läßt sich kaum begreifen, geschweige denn bereden.

ich sehe sie überall, die kinder, die von erwachsenen an einem arm durch die straßen gezerrt werden, weil sie ihnen nicht schnell genug sind. ich höre das bellen der eltern, immer wieder, wie es über das schluchzen der kinder herfällt. ich verpasse sie nicht, die leise gefauchten beleidigungen in kaufhäusern und u-bahnen. die ständigen wiederholungen, die sich festsetzen und noch nach jahren, jahrzehnten in den menschen um wahrheit würgen.

verfluchte wahrheit. will ja doch keiner wissen. später.


  1. Sammelmappe:

    Gewalt wurzelt tief, hat einen langen Atem, vermehrt sich rasend schnell und wirkt noch über Generationen.

    Aus diesem Sumpf hilft nur ein Bekenntnis zur absoluten Gewaltlosigkeit, aber davon sind wir weit entfernt, auch wenn endlich offiziell bei der Kindererziehung auf Gewalt verzichtet wird. Mir kommt das so vor wie die Kriege.
    Die machen wir heute in anderen Ländern, gegen Terroristen und neuerdings mit Drohnen. Sind fast gar keine richtige Kriege mehr.

    Die Gewalt in der Gesellschaft, in der wir heute leben hat sich ein Machtmäntelchen übergestreift – und wehe, wir verweigern uns diesen Mächten!

  2. kaltmamsell:

    Eine Folge meiner gewaltvollen Kindheit ist, mir viele Gedanken um die Gewalttäterinnen und ihre Motive zu machen. Verbote heilen ja nicht den Gewaltimpuls (den ich selbst zu gut kenne). Wie kann man Eltern den heißen Hass nehmen, mit dem sie ihre Kleinen anzischen, kleinfauchen, ihre Würde wegbellen?

  3. kaltmamsell:

    Und natürlich das Bedürfnis zu betonen, dass es bei mir nicht so schlimm war.

  4. Gesine von Prittwitz:

    du hast absolut Recht! Ich hatte bei den Recherchen fortwährend das Gefühl, mich auf vermintem Gelände zu bewegen. Man will das nicht wissen. Allemal nicht, weil es sich um eine fortwirkende kollektive Gewalterfahrung handelt. Kinder, die in den 50er und 60ern, blieben zwar von den realen Kriegsschrecken verschont, nicht aber von den traumatisierenden Erfahrungen und Verletzungen ihrer Eltern.

  5. engl:

    @ Sammelmappe
    absolute gewaltlosigkeit? ich weiß nicht recht. und ein bekenntnis ausgerechnet dazu stelle ich mir schon im ansatz furchtbar vor, weil das ziel so absolut unerreichbar scheint.

    @ kaltmamsell
    ja, ich beschäftige mich auch seit jahren mit den täterInnen. ich weiß keinen anderen weg, um zu verstehen. und die gewalttaten wie die gewalttäterInnen müssen zunächst einmal verstanden werden. wie sonst sollte die spirale umgelenkt werden.

    und die eigenen impulse, ja, die auch. die wenigen male im leben, in denen ich bewußt und beabsichtigt gewalt im sinne von verachtung und beherrschung ausgeübt habe. schlimm genug. aber was ist mit den womöglich vielen malen, von denen ich nichts weiß, weil ich es weder wollte, noch wahrgenommen habe. höchstens später vielleicht, manchmal jahre.

    @ Gesine von Prittwitz
    der krieg, genau! darüber denke, rede, schreibe ich seit über zwanzig jahren. und ich hoffe, es dringt langsam ans licht, wie strukturelle und indivuduelle gewalt speziell an diesem punkt einander bedingen.

    es ist ein großes glück, jahre und jahrzehnte, mein ganzes leben im grunde im „frieden“ verbringen zu dürfen. aber es ist auch beinah so etwas wie eine verpflichtung, dieses privileg zu nutzen, um zu verstehen, was das sein könnte. frieden.

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